Zum Inhalt springen

Statt nur dabei nun mitten drin? Ein Selbstgespräch bei unklarer Datenlage

27. Juli 2013

Die Herren Was und Alski erörtern die aktuelle Datenlage bei Weizenbier an einem lauschigem Sommerabend.

Alski (macht sich ein Weizenbier auf):
Und? Der @Pausanias hat ja angeregt, dass wir mal was zum Thema bloggen und ein paar Fragen gemailt, die @kokolores70braucht ein bisschen Ruhe … wollen wir was bloggen?

Was (seufzt):
Ist zwar scheisseheiss, aber wir müssen wohl! Haste ja gelesen Morotovs „Preis der Heuchelei“ und die Replique in #SPON. Da kommt noch mehr …

Alski (schenkt ein):
Haben wir nicht gefühlt 100.000 Bücher zum Thema gelesen in den letzten 30 Jahren: SF, Polit-Zeugs, Non-Fiction, gefühlt über 10.000 Filme gesehen … echt jetzt: wundert Dich das?

Was (schüttelt den Kopf):
Mich wundert gar nichts. Aber wie „die“ („die“ Regierung, „die“ Opposition, „die“ Medien, „die“ alle, WIR!) damit umgehen … das macht mich fertig! Wo sind denn die Massendemos (und ich mein jetzt nicht die paar Piraten)? Wo ist der Aufschrei? Wir stecken im tiefsten Datensalat ever, der Mainstream bullshitet im Wahlkampf rum, während die „Netzbewohner“ um Hilfe rufen, weil Utopia gerade in die Binsen geht. Wenn der @sachalobo schreibt, es ist ekelhaft! , dann hat er ja SO recht … Aber Entrüstung hilft nicht! Man muss was tun!

Alski (trinkt, seufzt wohlig, wischt sich den Schaum ab):
Was willste denn machen? Server zu Pflugscharen? Die NSA-Sache ist jetzt kaum 6 Wochen public … ich bin eigentlich ganz zufrieden mit dem, was draussen passiert …

Was:
Zufrieden? Das ist DEFCON 4! für die Gesellschaft! „Draussen“? Wir stecken da mitten drin … Ahnst Du auch nur, was die über uns wissen?

Alski (trink twieder):
Im Zweifel alles und nichts.

Was:
Häh?

Alski:
Wenn wirklich alles protokolliert ist (lacht) … was dann … WAS dann? Ich würd gern mal sehen, wieviel da an Daten zusammen gekommen ist. 50 MB? 1 Gig? 10? Und überhaupt. Gesammelt wird schon immer… Dossiers im alten Preußen, Mielkes Aktenordner oder die FBI-Files … wer Tim Weiners Buch gelesen hat, für den fängt Big Data vor 1940 an … ganz ohne Server-Park.

Was:
Klar. Unsere Post liest eh keiner. Wir machen nichts Verwerfliches, sind ergo nicht betroffen, alles ist gut!? Im Grunde findest Du doch geil, was heute alles so technisch geht …

Alski:
Ist es ja auch! In kaum 20 Jahren ne technische Revolution mit zu erleben, die eine gesellschaftliche ist, GEIL! Und komm mir bitte nicht mit „heile, heile digitale Welt“, Algorithmenethik und Weltfrieden. Was technisch geht, wird gemacht. Wissensvorsprung rulez … naiv ist, wer das bezweifelt. Oder glaubt, dass sich alle an die Regeln halten. Ziemlich gut ist das dargestellt in der SZ von Ex-BND-Mann Adam. Wie derdas zu verarbeitende Mengengerüst, berechnet, hat mir gefallen. Guck mal:

Eine Fachkraft kann pro Tag kaum mehr als 50 (automatisch vorselektierte) Kommunikationen lesen, auswerten und eventuell zu operativen Empfehlungen weiterverarbeiten. Selbst bei der NSA, die sich ausschließlich auf die Erfassung elektronischer Kommunikation konzentriert, sind kaum mehr als ein Viertel des Personals mit Auswertung beschäftigt – die übrigen werden für Technik, Entwicklung, Übersetzungen und Verwaltung benötigt.

Daraus ergibt sich ein relativ klarer Schlüssel für das, was die NSA kann und was sie nicht mehr kann: Bei einem – extrem hochgegriffen – Gesamtpersonal von 200.000, würden demnach 50.000 Auswerter arbeiten und damit etwa 2,5 Millionen Kommunikationen pro Tag auswerten. Bei einem geschätzten globalen Gesamtvolumen elektronischer Kommunikation von etwa 2 Milliarden pro Tag werden also nur 0,1 Prozent ausgewertet.

Und überhaupt: Am Wissensvorsprung zu arbeiten und ihn halten, das ist doch echt nicht auf Geheimdienste beschränkt. Lang nicht! Es fing mit den Schamanen an, ging bei den Katholen weiter, die mit lateinischer Bibel das Volk schön doof – und sich durch die Beichte up to date gehalten haben … und hört doch bei Google nicht auf!

Was (flehend):
Jetzt schmeiss bitte nicht den Klugschissmodus an …

Alski:
Doch. Muss ich mal kurz – hehe:
Wir haben ja gelernt: „Wissen“ = etymologisch aus Althochdeutsch „wizzan“, was nach der 1. oder 2. Lautverschiebung – Details hab ich vergessen – in Angelsachsen zu „Wizard“ und „Witch“ wurde … also schon aus der Sprache ist einfach herleitbar, dass sich besser informierte Parteien immer nen Vorteil erzaubern werden …

Was (genervt):
Mit Verlaub: Das war keine Sternstunde der Konklusion …

Alski:
Oder denk mal an die Wissenseliten-Diskussion … wenn die Sozialdemokratie eins richtig drauf hat (schönen Gruß, @Pausanias, zu Deinen Fragen komm ich noch), dann ist es: Für bessere Wissensverteilung zu streiten. Wir wissen (sic!) doch, dass die Eliten Wissen bunkern …

Was:
Jaja, Wissen ist Macht usw. usf. Und? Noch ein Allgemeinplatz! Haben wir nicht Gesetze? Regeln? Demokratie? § XX GG? Menschenrechte? Alles ist Makulatur? Schöner Schein? Das will ich nicht. Ich habe Rechte!

Alski:
Babe, wer fragt denn, was DU willst. Und Rechte sind wackelig, wie wir wissen. Aber die Diskussion, ob
die neue Technik ein Beruhigungsmittel ist, um das Volk ruhig zu halten, ist auch nicht so neu: Fratzenfibel und Konsorten als das „neue Opium für’s Volk“. Die Wissenselite lenkt den Plebs (und die Internet-Junkies) mit geilen Gadgets ab, kann dann schön Daten absaugen, sammeln, auswerten usw. Und dabei immer unterschwellig verbreiten (singt): Du, Individuum, bist so ein kleines Licht, zwar hab ich Dein Verhalten hier, doch interessiert’s mich wirklich nicht …

Was:
Du glaubst, die Ideologie des digitalen Spießertums wird von den Eliten verbreitet? Gähn. Und wenn?

Alski:
Zugegeben, das ist auch nix neues. Was macht Apple denn anders, als seinen Kunden ein schönes einfaches Environment zu verkaufen, wo ganz egal ist, wie’s funktioniert. Strom kommt aus der Steckdose und What’s App ist ein Gerät. Irgendwie schade, dass so wenige fragen, wie’s geht. Wenn sie das aber tun – und das find ich wichtig – dann erfahren, dass sie abgehört werden können, es aber trotzdem nicht lassen, dann ist es eine freie Entscheidung des Nutzers.
Aber über Zeit wird sich Handeln ändern: entweder, indem Abhören akzeptiert, oder indem dagegen angegangen wird. In jedem Fall geht die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurück – großflächiges Lauschen ist public!
Diesen Wissensvorsprung den „Zauberern“ wegzunehmen, das wird so ein wichtiger Teil der „Aufklärung“ werden … da kann man dem Snowden nur auf den Knien danken. Wie auch Max Weber, der die Entzauberung der Welt so unglaublich gut erklärt.

Was:
Weber meinte das doch anders: Irgendwie so, dass der einst gläubige katholische Mensch durch die protestantische Ethik zu sich selbst zurückgeführt wurde, da bemerkt, dass es keine verlässliche „divine policy“, auf die er vertrauen kann, gibt … und dass dann so der Kapitalismus entstanden sei, weil sich der protestantische Mensch durch Anhäufen von Kapital vor Gott beweisen wolle … Als dann klar wurde, dass Gott eigentlich gar nicht wichtig ist … da war der religiöse Zauber weg, und Marx musste das Kapital schreiben.

Alski:
Selber Klugscheißer! Aber vergleichbar ist doch der Prozess: aus der Erkenntnis folgt die Veränderung. Frag Dich doch mal: wo jetzt „Snowdenia“ und Konsorten über uns hereinbrechen, werden da nicht gerade auch ein paar der neuen „Heilsbringer“ entzaubert, wird man da nicht auch fragen: wie steht’s denn mit dem Vertrauen in die Zauberer, die am Drücker stehen? Man hätt ja fast meinen können, die Welt würd durch Breitband und IPhone gerettet …

Was (trinkt wieder):
Das ist mir jetzt irgendwie eins drüber … Was ist denn Deiner Meinung nach der andere Teil? Der Aufklärung mein ich …

Alski:
Dass sich aus dem neuen Wissens neues Handeln ergibt! Erst kommt der Bruch mit dem Gewohnten, die „Entzauberung“ vermeintlicher Heilsversprechen, dann das Handeln, das sich aus dem Mehr-Wissen ergibt … ich mein, den Manchester-Kapitalismus, den Weber beschreiben wollte, gibts ja heute auch nicht mehr – den hat der Karl Marx entzaubert …

Was:
Also ist das, was gerade passiert, für Dich ein Fortschrittsdings und gar nicht „schlimm“?

Alski
„Schlimm“ ist 99. Rückschritte müssen sein. Ich finde es auf jeden Fall erst mal gar nicht so scheiße, dass das Datensammeln nun öffentlich ist, dass ein schon immer praktiziertes Herrschafts- und Wirtschaftsverhalten transparent wird. Mensch, das Internet abzuhören ist doch nichts anderes als ein technisches Update auf das, was schon immer gelaufen ist. Jetzt können sich alle überlegen, wie sie damit umgehen.

Ich guck mir das mit wachsender Begeisterung an. Höre, lese, was so gesagt und geschrieben wird … was sich „da draußen“ tut, wo ich ja nur ein bisschen „mitten drin“ bin.

Was:
Und? Hier tut sich doch GAR nichts … das ist ja das Krasse! Wie gehen wir denn damit um? Pofalla gesehen? Den Oppermann, der grad zurückrudert nach VDS usw.? Den Ströbele, der „Herrn Prism“ einen wichtigen Zeugen nennt – pah!

Alski:
Aber diese dramatische Hilflosigkeit ist doch nur ein tolles Zeichen, dass sich was bewegen wird im Handeln. Die Empörung der Internet-Bohemé, der grad die Digitale Gesellschaft unterm Arsch weg gerissen wird, zeigt das genau so, wie das sicher bald hoch poppende, verzweifelte Bemühen der Social-„Media“-Berater, die, nachdem sie ihren vermeintlichen Wissensvorsprung für tolle Tagessätze an die „Uh-Oh-Old Schooool“-Business-Kasper verkauft haben, um eine banale Facebook-Gruppe als Stein der Weisen im „Word of Mouth Marketing“ zu promoten, sich bei ihren Kunden für ihren Beitrag zum Prism-Affilate-Programm rechtfertigen dürfen.

Was:
Das ist zynisch und hilft auch nichts.

Alski:
Ich hab einfach grad mal so gar keine Veranlassung, im Chor der Wölfe des Daten-Gau-Armageddon mit zu heulen. Hilft nämlich auch nix. Handeln aus Erkenntnis sollte nicht unüberlegt sein. Erst mal richtig verstehen, was passiert.

Was:
Also erstmal den Orwell aushalten? Der Fortschritt wirds schon richten, oder wie?

Alski (schmunzelt):
Fragt uns das der @Pausanias?

Was (raschelt mit vorbereitetem Ausdruck aus dem Internet):
Nee, der weiss das ja alles auch … aber er fragt zum Beispiel: „Wie geheim muss, wie geheim darf die Arbeit von Geheimdiensten sein?“

Alski (schmunzelt mehr):
Ich würd ihn erstmal fragen, ob er echt glaubt, dass man den Begriff „geheim“ relativieren kann …

Was:
Sei doch bitte nicht so ein arrogantes Arsch. Er hat extra geschrieben, dass in seiner Mail nur erste Gedanken skizziert sind. Hier fragt er noch: „Welche Rechtsmittel gibt’s, wenn man den Geheimdienst an den Hacken hat“?

Alski:
Hmmm. Also so einen echten Inlandsgeheimdienst können wir uns ja seit der Gestapo gottlob nicht mehr leisten – da hab ich eher vor so Mollath-Sachen wie in Bayern Schiss, wenn Dir die Exekutive nen Strick dreht.
Ich würd mich auch fragen, ob man überhaupt merkt, wenn Dir einer auf den Fersen ist? Wer einen Geheimdienst an den Hacken hat, dem wird das wohl erst bewusst, wenn er sich gegen falsche Beweise wehren muss: Da hab ich – wieder mal – in einem @saschalobo-Text bei #SPON etwas sehr Schlüssiges und Beängstigendes zu gefunden … und ob, was Post Privacy Apostel @mspro sich als Gegenmaßnahme dazu ausmalt, greift … keine Ahnung.
(seufzt)
Was noch?

Was (schielt auf das Weizen):
Eins noch! Gerne!

Alski:
Ich meinte, WAS fragt sich der @Pausanias noch (reicht sich selbst trotzdem ein Bier an)?

Was:
Er fragt, wie stark er sich beobachtet fühlt gerade …

Alski:
Keine Ahnung. Muss er doch wissen …

Was:
Er schreibt, dass er versteht, dass sich nichts ändern wird, fragt sich, was seine Reaktion darauf sein soll … weil: er will ja weiter twittern und so.

Alski:
Ein Glück! (hebt sein Glas) Soll er!

Was:
Find ich auch. Aber ob er jetzt völlig post private leben muss … und da gäbe es Abstufungen beim post private (blickt etwas ratlos auf) … Das kapier ich jetzt nicht.

Alski:
Ich auch nicht. Egal. Klären wir bilateral.

Was:
Dann fragt ersich/uns noch, ob die Geheimdienste wissen, dass er kein Attentat plant … und wer die Wächter überwacht.

Alski:
Die Geheimdienste wissen doch, dass er kein Bombenleger ist (sie würden im Zweifel zumindest noch bei ihm vorbeifahren und genauer gucken, bevor sie ihn hopps nehmen, schätz ich). Und sonst lesen die das aus seiner E-Mail an uns ja jetzt als Absolutionhinweis für ihn …

Was:
Ich glaube, wir sollten das mit dem Weizen lassen. (vertraulich) Weisste noch, wie der @Pausanias 1999 in unser Büro kam mit dem Tobi, und als die wieder raus waren, was haben wir gesagt …?

Beide:
.. Langhaarige Bombenleger! (liegen sich in den Armen)

Alski:
Waren aber coole Rastas beim Tobi. Das mit den Wächtern seh ich übrigens wie gesagt so: Entzaubert sie!

Was:
Haste eben schon gesagt.

Alski:
OK, dann lass uns hier mal aufhören und damit anfangen. Projekt-Kick off jetzt: Aus der Entzauberung der neuen Mythen zum Handeln kommen … „Ta-Daaaah“. Prost Was!

Was:
Deal! Prost Alski!

(Gläser klingen, beide ab)

Advertisements

From → Dit und Dat

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: