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Replique auf den Brief von Pausanias (vom 16. Juli)

17. Juli 2011

Werter Freund,

man brachte mir gestern die angenehme Nachricht, daß Sie eine Antwort auf meine kleine Notiz vom 10ten Juno vorhalten würden, die ich gleich vor Ungeduld studirte.

Die begonnene Korrespondenz mit Ihnen hat meine ganze Ideenmasse in Bewegung gebracht, denn sie betraf einen Gegenstand, der – wie ich feststelle – mich seit Jahren lebhaft beschäftigt. Über so manches, worüber ich mit mir selbst nicht recht einig werden konnte, hat die Anschauung Ihres Geistes (denn so muß ich den Totaleindruck Ihrer Ideen auf mich nennen) ein unerwartetes Licht in mir angesteckt. Mir fehlte das Object, der Körper, zu mehreren speculativischen Ideen, und Sie brachten mich auf die Spur davon. Ihr beobachtender Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, setzt Sie nie in Gefahr, auf den Abweg zu gerathen, in den sowohl die Speculation als die willkürliche und bloß sich selbst gehorchende Einbildungskraft sich so leicht verirrt.

So erdreiste ich mich doch, Ihren Wunsch, mich zu den in einem Thema möglicherweise innewohnenden Specifica zu äußern, nur auf Umwegen anzugehen, um eine grundsätzliche Diskussion des eigentlichen Gegenstands in Vortrag zu bringen.

Mein tiefer Eindruck ist, dass der Grad des Diskurs eines Themas vom Inhalt des Themas wohl geschieden werden kann (und muss) und er grundsätzlich nicht durch specifisch den Inhalten zuzuordnenden Factoren, sondern durch Factoren, die sich außerhalb eines Inhalts vor allem durch die Beteiligten eines Diskurses, die sie antreibende Betroffenheit und die Discurswege, die ich als Infrastructuren bezeichne, bestimmet wird.

Axiomatisch möchte ich Ihnen nun zunächst die Herleitung dieser Behauptung aufzeigen, sodann eine Zusammenfassung des Gesamtgedankens und sogleich den Übertrag auf die von Euch so eindrucksvoll dargestellten Categorien zum Vortrag bringen.

Axiom

I.
Themen entstehen vorzüglich über Äußerungen von Menschen (entweder descriptiv oder wertend) zu specifischen Umständen, also stets in einem Process der Kommunikation. Was nicht geäußert/kommunizieret werde, sei folglich auch kein Thema.

II.
Bezüglich ihrer Genese zu unterscheiden seien solche Themen, die entstehen zunächst durch Äußerungen jener, die mit ihren spezifischen Umständen direct konfrontieret werden, von jenen Themen, die entstehen durch Äußerungen von Dritten über Umstände, mit denen andere konfrontieret werden.

III.
Die Bedeutung eines Themas ergebe sich zuvörderst aus dem Grad der kommunizierten individuellen Bewertung der wahrgenommenen (nicht tatsächlichen) Betroffenheit für den im Thema geäußerten Umstand durch den Betroffenen selbst oder Dritte.

IV.
Der Grad der Betroffenheit ergebe sich aus der Bewertung der Konsequenzen eines Themas für die persönliche Lebenswelt durch die vom Thema Betroffenen selbst oder Dritte, welche über die Betroffenheit anderer referieren.

V.
Jedes Thema werde vom Individuum oder Dritten sowohl in bezug auf inhaltliche als auch zeitliche Dimensionen bewertet, z.B. von sehr persönlicher (als existenzielle, das Individuum direkt und intensiv betreffende Konsequenz eines Umstands), über unmittelbare Betroffenheit (z.B. die Familie/Nachkommen oder die Gesellschaft betreffende Umstände) bis zu mittelbarer Betroffenheit (kulturelle, wissenschaftliche Umstände) sowie Nicht-Betroffenheit. Zeitlich sollen kurz-, mittel und langfristige Chancen oder Risiken eines Umstands als wesentlich postulieret seyn.

VI.
Neue Betroffenheit entstehe gewoehnlich dadurch, dass Individuen oder Dritte, die in den kommunikativen Process zu einem Thema eintreten, erst im Rahmen ihres Eintritts feststellen, dass sie persönlich, unmittelbar, mittelbar oder gar nicht vom specifischen Umstand in den beschriebenen unterschiedlichen Zeiträumen betroffen seien, also selbst beginnen, eine individuelle Bewertung vorzunehmen, die sie, im Rahmen des weiteren processualen Verlaufs, dann bestätigen, ändern oder verwerfen können.

VII.
Aufrund der Weiterentwicklung von und dem vielfätigeren Zugriff auf Kommunikations-Infrastructur (von unidirektionalen Medien, wie Druckwerk über Radio zu Television, bis zu bidirektionalen wie Text, videografische oder sich austauschende Information im Internet), über die in diesen Zeiten neue Themen in kommunikativen Prozessen entstehen, wachsen, stagnieren und vergehen, ist eine significante Steigerung der Zahl potenzieller und – nach ihrer Bewertung durch die Beteiligten – tatsächlicher Themen für alle zu messen, die Zugriff auf diese Infrastructuren haben und diese zu verwenden imstande sind.

VIII.
Das solchermaßen gewaltig gestiegene Quantum von Themen durch Nutzung moderner Kommunikationsinfrastructuren nötigt die Anwender der Infrastructur daher, permanent Entscheidungen darüber zu treffen, ob und welche Themen sie selbst direkt oder indirekt betreffen und – im positiven Fall – wie sie sich mit ihnen erst rezeptiv auseinandersetzen, um (für sich) Aussagen zu den sie betreffenden Themen zu machen und Position zu beziehen. Ist der Betroffenheitsgrad ausreichend groß (auch bei indirekten Beweggründen, wie z.B. eigenes Fachwissen in oder inhaltliche Nachfragen zu einem vorgelegten specifischen Umstand, der ein Thema werden könnte). Liegt die Fähigkeit, sich über den Umstand wertend zu äußern, in ausreichender Qualität vor, trägt der Rezipient selbst zur Fortführung des kommunikativen Prozesses bei, indem er mit anderen darüber in Kontakt tritt, etwas veröffentlicht usw..

IX.
Im Laufe der Neuzeit haben gewisse Institutionen das Selectieren von Themen für Dritte aus diversen Gründen (Medien = hochwirtschaftliche Gründe, Politik = über Meinungsbildung-/steuerung zur Macht komen) Bündelung und Steuerung von Informationen weiter professionalisiert. Dies führte auch zu einem ständigen Neuzustrom an vorbereiteten Aussagen zu spezifischen Umständen an einen variierenden Kreis von potenziellen Rezipienten. Jedes Individuum, das sich reciptiv am kommunikativen Prozess beteiligt wird mithin also einerseits zu einer vermehrten ständigen Bewertung und Einordnung von specifischen Umständen auf seine persönliche Umwelt genötigt, um sich andererseits selbst zu den für ihn relevanten Themen zu äußern … und dies ggf. öffentlich zu tun.

Conclusio
Themen werden also durch direkt Betroffene und/oder Dritte infolge einer mit inhaltlich/zeitlichen Bewertungen versehenen Äußerung zu einem spezifischen Umstand ausgelöst. Über die Art und Weise, den Kanal und die Häufigkeit der Kommunikation von und über Themen werden weitere direkt Betroffene generiert (durch ihre Wahrnehmung als die tatsächliche oder vermeintliche Erkenntnis, daß sie vom Thema betroffen sind) und/oder weitere Dritte zur Bewertung neu veranlasst. Es entsteht ein thematischer Discurs, dessen Kraft und Verlauf jeweils abhängig seinb wird von seinen Teilnehmern (also einer hinreichend großen Zahl von stark oder schwach direkt oder indirekt Betroffenen) einerseits und der Verbreitungsinfrastruktur andererseits.

Criterien für Specifica
Dies vorangangestellt, möchte ich Ihnen, lieber Freund, angesichts der nachgefragten Specifika folgende Kriterien vorschlagen, die stets unabhängig vom Inhalt zu setzen sind (wobei über das rechte Verhältnis der jeweils dargestellten a) bis c) und die Möglichkeit, dieses in einer wohlfeillen algebraischen Formel zu definieren, ich mir gegebenfalls zu einem späteren Zeitpunkt Gedanken machen werde, nicht abmessen könnend, ob ich auch das Vermögen dazu besitze).

„Keine Reaktion oder wenig Reaktion“ wird characterisiert durch
a) eine geringe Zahl der direkt/indirekten Betroffenen
b) einen geringen oder rasch sinkenden Grad der Betroffenheit ist (inhaltlich/zeitlich)
c) nicht ausreichende Reichweite im kommunikativen Prozess

„Strohfeuer“ wird characterisiert durch
a) eine sich zunächst steigend entwickelnde Zahl der direkt/indirekten Betroffenen („neue Thematik“)
b) einen rasch sinkenden Grad der Betroffenheit (z.B. ausgelöst durch andere, noch betroffener machende Themen)
c) eine Beschränkung der Reichweite für den kommunikativen Process auf wenige Kanäle

„Großfeuer“ wird characterisiert durch
a) eine stetig steigende Zahl der direkt/indirekten Betroffenen bis zur critischen (Änderung auslösenden) Masse
b) einen steigenden Grad der Betroffenheit bei den Beteiligten (auch durch Zustrom an Informationen durch neu gewonnene Betroffene)
c) eine hierdurch intendierte stetige Ausweitung der Reichweite für den kommunikativen Process

„Schwelbrand” wird characterisiert durch
a) eine stagnierende Zahl gleichsam stark direkt/indirekt Betroffener, diese halten das Thema zwar aufrecht, finden aber keine weiteren Betroffenen
b) einen hohen Grad der Betroffenheit der aber selbstreferenziell im Kreis der Betroffenen bleibt
c) stagnierende Reichweite für den kommunikativen Prozess

Es ist somit – werter Freund – nach meiner Überlegung gar nicht entscheidend, ob ein Thema sich um die Äußerung zur Aufdeckung einer neuen Amöbenform oder den Climawandel ranket, seine Specifik – ob es im Strohfeuer verglüht oder als Großbrand wirken wird – erhält es jeweils nur durch dreierlei Factoren: die Zahl der (direkt und indirekt) Betroffenen, den Grad ihrer Betroffenheit und die Dimensionierung der Verteilungswege im kommunikativen Process.

Nachsatz
Mithin, ich hoffe, mich nicht verirrt und Sie nicht verwirrt zu haben mit obigem. Denn unbestritten hatten Sie ja bereits eingangs eine Disputation der Nuancen der Relevanz vorgeschlagen:

Was sind die spezifischen Faktoren, dass ein Thema in einer der genannten Formen behandelt werde? Sicher hat die “Relevanz” eine Schlüsselrolle inne, doch in welche Subfaktoren, ja gleichsam in welche Primfaktoren muss die “Relevanz” eines Themas zerlegt werden? Ich vermute unter ihnen “Tragweite”, “Komplexität” und das, was ich in Ermangelung eines treffenderen Wortes “Kontroversheit” nenne, doch scheinen es nicht diese allein zu sein. So sehr ich mein Denken auch darauf richte, mir wollen die letztendlichen nicht einfallen!

Meine bisherigen Einlassungen galten so zunächst der dringenden Bitte an Sie, die Inhalte selbst außer Acht zu lassen, bei unseren Betrachtungen. Ich hoffe, die Notwendigkeit dafür nun hinreichend dargestellt zu haben.

Und da Betroffenheit offensichtlich eine existenzielle Rolle spielt in dieser Causa, möchte ich vorschlagen, dass wir im folgenden einmal Ihre ursprüngliche Thematik (sic!) ein wenig deutlicher auszuleuchten versuchen. Die Nuancen der Relevanz würden daher, so es Ihnen zupaß kommt, mein Vorschlag für eine Fortsetzung unserer Correspondenz sein. Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre diesbezüglichen Gedanken zunächst vorstellen könnten.

Ich verbleibe in demütigster Erwartung und mit den allerbesten Wünschen an die Gnädigste und Ihre munteren Knaben.

Auf bald, der Ihrige

Wasalski

Historie
I. Erster Brief von Pausanias

II. Erster Brief von Wasalski

III. Zweiter Brief von Pausanias

Ein Kommentar
  1. Ddie “munteren Knaben”, mein Lieber, sind schon vierzehn Sterne wert. Antwort folgt bei mir!

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