Zum Inhalt springen

Mut statt Mäuerchen

19. November 2010

Heut abend hab ich mich beim Verlassen meines Arbeitsplatzes, dem imposanten Post-Tower in Bonn, durch die Lücke eines ca. 60cm hohen Betonmäuerchens gedrückt, das morgens noch nicht da war. Es wurde offensichtlich zur Abwehr von Terroristen um die Einfahrt des Haupteinangs herum aufgebaut.

Wobei es schon motorisierte Terroristen sein müssten, vielleicht sitzen die in einem Sprinter, wie einst in “Zurück in die Zukunft I”. Ich meine, in irgendwelchen Terrorcamp-Videos mal Vermummte beim Hürdenlauf gesehen zu haben, und, ohne jetzt wirklich Experte zu sein, schätz ich mal, für solche Gesellen wär ein derart niedriger Wall ein – bitte um Verzeihung – Katzensprung.

Besagter Sprinter dürfte aber auch kein mit Sprengstoff und einem Selbstmordattentäter vollgepackter sein, obwohl das in Terroristenkreisen ja eher eine Standard-Beladung sein soll. Denn da der Lieferwagen im Fall des Falles nur ca. 20m vor dem Eingang zum Stehen käme, würde die Wucht der Detonation eine erhebliche Wirkung auf die imposante Glasfront des Towers haben … mit mutmaßlich katastrophaler Splitterwirkung.

Das Mäuerchen würde also wohl nur einen Sprinter ohne Sprengstoff stoppen, und mit Maschinenpistolen bewaffnete und nach Stopp des Sprinters aus selbigem herausdrängende Terroristen dürften auch nicht drin enthalten sein; wegen der geringen Höhe des Mäuerchens und der Hürdenfertigkeiten besagter Attentäter.

Kurz: Das Wällchen würde wohl nur jene Terroristen stoppen, die ohne es einfach bis vor die Tür fahren, aussteigen … und wieder weg gehen würden?!

Hmmm.

Selbstverständlich schaltete auch ich nach dem Überwinden des Walls gleich mal in einen gewissen Alarmzustand. War die Zentrale der Post bedroht worden? Sind wir jetzt „primary target“?

Ich erinnerte mich auch an 9/11 und die Zeit danach, da gab es ja manchen, der den eindrucksvollen Turm am Rhein als potenzielles Ziel (Hochhaus! Glas! Einflugschneise!) einschätzte (unter anderem meine Tochter, deren Sorgen ich seinerzeit ausräumen musste).

Ich erinnerte mich auch noch an die 70er, den “schwarzen Herbst”, da war ja auch Alarm. Mit Muttern und Geschwistern sind wir da im alten R5 in eine Autobahnkontrolle geraten: MP bewehrte Polizisten, Schützenpanzer, Stau, durch’s Fenster leuchtende Taschenlampen.

Und ich dachte an Israel, und das Leben dort, in ständiger Alarmbereitschaft.

Der digitale Blätterwald unterstützt dieses mein Nachdenken ja gerade durch mächtigstes Rauschen. Und was da so steht, ist in jedem Sinne wenig beruhigend: Im SPON rüstet die Polizeit für den Ernstfall (= “es wird jeden Moment los geschlagen!”), die SZ sieht den Innenminister „an der Orgel der Angst“ (= “Offizielle Stellen in Panik/wir werden alle sterben!”)

Und ich denk erstmal: wer will denn grad wohl ernsthaft in der Haut einer Exekutive stecken, die im Stundentakt Fliegerbombenattrappen in Namibia oder verlassene Koffer in Kölle als terroristisch (y/n) bewerten muss?

Und denk zweimal: Wenn Terror „die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen“ ist (das meint zumindest Wikipedia), ist ein Angst verbreitendes mediales System nicht grad mal einen Tick zu produktiv im Sinne von Osama und Konsorten? Pawlowsche “Safety XXXL” Reflexe manchen Politikers zu bewerten dagegen, ist imho der Rede bzw. Zeilen nicht wert momentan. Die sind eben so.

Dann möcht ich mich doch lieber an Ermutigendem erfreuen, wie dem heutigen Kommentar in der Online-Ausgabe der ZEIT (und danke dem @holadiho für den ermutigenden Hinweis):

„Wie also geht man mit Terror um?“ wird da gefragt.

Eine Antwort:

“Wir müssen eine heroische Gelassenheit entwickeln”, sagt Herfried Münkler, Soziologe an der Humboldt Universität Berlin. “Denn es wird auch bei uns früher oder später einen Anschlag geben. Dabei erwächst die Macht der Terroristen aus unserer eigenen Angst. Wenn wir aber die Anschläge als Unfälle ansehen, dann stellt sich heraus, dass die Terroristen uns gar nichts anhaben können.” Wir müssen also eigentlich nur vernünftig bleiben.
Die Anschläge werden damit nicht aufhören und auch die Terrorwarnungen nicht. Doch vielleicht besinnt sich der ein oder andere Politiker, künftig weniger Unsinn zu fordern. Ganz sicher aber können wir dann nicht mehr mit unserer Angst erpresst werden und hören auf, uns aus Sorge vor dem Tod selbst zu erwürgen.“

Find’ ich spitze. Werd ich machen! Alle mitmachen (und einfach auf diese tatsächlichen oder gedanklichen Betonhürden verzichten. Sehen Kacke aus und bringen eh nix!)

Von → Dit und Dat

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.